Gliazellen tragen zu etwa der Hälfte der Masse des Gehirns bei. Sie geben Struktur, isolieren die Nervenzellen, bilden die Blut-Hirn-Schranke, und sorgen dafür, dass die Nervenzellen mit Nährstoffen versorgt werden.

Wenn Gliazellen sich unkontrolliert teilen, entsteht ein Gliom. Titiens Gliom sitzt im Hirnstamm, genauer in der Pons. Die morphologische Charakterisierung des bei der Biopsie entnommenen Gewebes ergab, dass die Tumozellen eine fibriläre Matrix bilden. Titien hat ein diffuses intrinsisches pontines Gliom (DIPG).

Die in der Biopsie entnommen Zellen wurden noch weiter untersucht. Man fand eine Mutation des Histonproteins H3.3. Die Aminosäure Lysin (K) an Position 27 ist zu einem Methionin (M) mutiert: H3.3_K27M.

Paarweises Alignment der Aminosäuresequenz vom Histonprotein H3.3. Oben normal. Unten Titien. Rot umrandet ist die Stelle der Mutation

Alle Tumore haben gemeinsam, dass sich die betroffenen Tumorzellen unreguliert teilen. Entweder eine Zellysklusbremse ist ausgefallen oder ein Faktor, der die Zellteilung anregt. Histone sind Proteinkomplexe, die für die dichte Packung und die Organisation der DNA verantwortlich sind. Dicht gepackte DNA wird nicht abgelesen.

Man vermutet, dass die K27M Mutation im Histonprotein H3.3 bei Titien die Teilung der betroffenen Zellen fördert. Es könnten auch weitere Proteine an der Entstehung des Tumors beteiligt sein. Insgesamt ist der Einfluss der Histonvarianten (es gibt alleine sieben H3-Varianten im Menschen) und deren Mutationen bei Krebs noch schlecht verstanden.

Es ist äußerst ungewöhnlich, dass ein diffuses intrinsisches pontines Gliom (DIPG) bei Frauen Mitte dreißig diagnostiziert wird. Am häufigsten tritt die Krankheit bei Kindern auf.

Die durchschnittliche Lebenserwartung bei den mit DIPG diagnostizierten Kindern mit H3.3_K27M-Mutation ist 9 Monate. Erwachsene Patienten leben länger. Nach Aussage unserer Ärzte etwa zwei Jahre.

Kaplan-Meier Plot der Überlebensdauer von Kindern mit DIPG. Hellgrün: Die Mutation in Histon H3.3, die Titien hat. Dunkelgrün: Die selbe Mutation in H3.1, einer Isoform des Histonproteins H3. Abbildung aus: Castel et al. Acta Neuropathol (2015).

Beteilige dich an der Unterhaltung

12 Kommentare

  1. Die Mutation hast du schön erklärt, danke!
    Eine zielgerichtete mutationsbasierte Therapie für K27M+ …. gibt es die, traue ich mich fast gar nicht zu fragen?
    Oder berichtest du darüber im nächsten Beitrag?
    2 Jahre, die Zeit spielt für euch, Statistiken in der Tumortherapie sind eigentlich alle bereits beim Erscheinen schon wieder von gestern….. ich weiß allerdings nicht, wie es im Bereich Gliome aussieht, sind ja eher selten.

    1. zimtspinne,
      danke für den Kommentar. Eine spezifische Therapie für die Mutation gibt es leider nicht. Die erste Therapie ist Bestrahlen und Chemo, wobei das Chemotherapeutikum eben die Blut-Hirn-Schranke überwinden muss. Mehr dazu in den nächsten Beiträgen.

  2. Die Nüchternheit des Wissenschaftlers, in all diesem Drama. Meinen tiefsten Respekt vor dieser Haltung, und meine besten Wünsche für den weiteren Verlauf.

  3. Liebe und Wissenschaft in solchen Fällen in Einklang zu bringen scheint dir Halt zu geben. Ich hoffe, dass das so bleibt und drücke ganz fest die Daumen, dass jeder Tag mit der Erkrankung dennoch Sonnenstrahlen, Lachen und Freude enthält. Danke, dass du es mit uns teilst. Es ist so wichtig, dass hinter den trockenen Zahlen auch die Gesichter zu sehen sind.

  4. Zur Ergänzung:
    Gliazellen versorgen nicht nur die Nervenzellen, sie bilden auch ein Entsorgungssystem, das in Anlehnung an das Lymphatische System ‚Glymphatisches System‘ genannt wird.

  5. So sachlich erklärt ein Befund, dessen emotionaler Impact wie wie eine dunkle Wolke zwischen den Zeilen schwebt…. Ich wünsche euch viel Kraft, und wie Zimtspinne schon schrieb: die Zeit spielt für euch!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.