Am Montag jährt sich Titiens Todestag. Der 23. August 2020 war ein Sonntag. Sie ist morgens in meinen Armen gestorben. Das zu schreiben treibt mir die Tränen in die Augen und diese Woche – ihre letzte Woche – ist emotional eine besondere Herausforderung. Ich habe mir Urlaub genommen, so wie letztes Jahr. 

Hier ein paar lose zusammengestellte Gedanken über Trauer und das letzte Jahr. 

Trauer hat eine akute Phase und eine latente Phase. Die akute Phase dauerte bei mir ein paar Monate. Die latente Phase dauert an, vielleicht mein Leben lang. Ehrlich gesagt wünsche ich mir das sogar. Trauern ist mir nicht unangenehm.

Die Stärke und Dauer der Trauer ist weit mehr von der Tiefe der Beziehung abhängig als von der vergangenen Zeit seit dem Tod. Trauer kommt und geht in Wellen. Die Intensität ändert sich nicht, die Frequenz hingegen schon. Die Trauerepisoden werden im Lauf der Zeit nicht stetig seltener, sie kommen einfach unregelmäßig. Zur Zeit kommen sie oft.

Es gibt Orte an denen ich Titien nahe bin. Der Baum unter dem sie und meine Eltern begraben liegen ist einer davon. Ich fahre alle zwei Wochen hin. Die Fotos für die Collage hier im Beitragsbild sind über das letzte Jahr dort oben entstanden.

Ich gehe dort erst lange spazieren, erinnere mich, und rufe dann Titiens Bruder an. Wir gehen zusammen vom Ort an dem die Fotos entstanden sind zum Baum und verbringen Zeit am Grab.

Zwei weitere Situationen in denen ich mich ihr nahe fühle: Beim alleine Auto fahren stelle ich mir vor, sie säße auf dem Beifahrersitz neben mir. Wir unterhalten uns dann manchmal.

Mein iPhone zeigt mir in Form eines Widgets auf dem Startbildschirm jeden Tag andere, zufällig ausgewählte Photos an. Sehr viele davon sind mit Titien. 

Mein liebstes Hobby ist zur Zeit das Rennradfahren. Ich fahre regelmäßig lange Touren. Die weiteste war 200 km lang von zu Hause zum Baum unter dem Titien begraben ist und wieder zurück. Wenn ich langsamer fahre, ist Zeit zum nachdenken. Wenn ich schneller fahre, kann ich abschalten. Ich hatte noch nie muskulösere Oberschenkel. 

Noch ein Hinweis an Freunde und Bekannte: Es ist schön, wenn ihr an mich und an sie in diesen Tagen denkt. Ich melde mich selbst, wenn ich telefonieren möchte, freue mich aber wie immer über Kommentare hier.

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6 Kommentare

    1. Danke Gudrun. Ich werde mir den Film sicher ansehen – und wenn er jetzt noch nichts ist für mich, dann vielleicht später. Kennst du “After Life” mit Ricky Gervais? Eine kurze Serie über Trauer auf Netflix. Habe ich einmal noch mit Titien und einmal danach alleine angeschaut.

  1. Although written almost in a matter-of-fact way (more like Wissenschaftskommunikation), the love and sorrows are nevertheless genuinely and powerfully expressed.
    “Die latente Phase dauert an, vielleicht mein Leben lang. Ehrlich gesagt wünsche ich mir das sogar. Trauern ist mir nicht unangenehm.” is particularly true. To feel sorrowful is better than to feel nothing, much much better.

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