Wer es sich leisten kann. Randy Schekman gegen den Impact Factor und über Open-Access-Publishing

Heute findet die diesjährige Preisverleihung der Nobelpreise statt. Ab kurz vor eins sollte hier der die Liveübertragung der Vergabe des Friedensnobelpreises in Oslo zu sehen sein und ab zwanzig nach vier sollten dann auch die Naturwissenschaftler in Stockholm ihre Medaillen und Urkunden entgegen nehmen dürfen.

Einer der diesjährigen Preisträger ist Randy Schekman, der zusammen mit James Rothman und Thomas Südhof den Preis für Physiologie und Medizin bekommt, und zwar für die Aufklärung der zellulären Sekretionswege und Vesikeltransport. Auf Englisch heißt das so:
„for their discoveries of machinery regulating vesicle traffic, a major transport system in our cells.

Hier ist der Link zu Scheckmans 54 minütigem Vortrag den er am 7.12. am Karolinska-Institut hielt. Für diejenigen, die sich näher mit der Thematik befassen wollen oder einen historischen Überblick über das Feld bekommen möchten.
Wissenschaftler stehen ja nur selten im öffentlichen Rampenlicht. Die Verleihung der Nobelpreise ist jedoch eine der Ausnahmen und Randy Schekman nutzt die momentane Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, um in einem Artikel im Guardian Open Access zu propagieren und explizit die von ihm so gekannten Luxusmagazine Cell, Nature und Science, sowie den Impact Factor im Allgemeinen zu kritisieren. Insbesondere geht es ihm um den negativen Einfluss, den die hochselektiven Magazine auf den generellen Wissenschaftsbetrieb haben:

Luxury-journal editors […] accept papers that will make waves because they explore sexy subjects or make challenging claims. This influences the science that scientists do. It builds bubbles in fashionable fields where researchers can make the bold claims these journals want, while discouraging other important work […].

Scheckman erklärt weiter, wie Open-Access Magazine (wie das von ihm co-herausgegebene eLife Journal) den kostenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Literatur erlauben und unter Einhaltung aller notwendigen Qualitätskriterien fairer publizieren, da sie eine größere Anzahl an Artikeln veröffentlichen können als die Luxusmagazine und nicht auf Abonnenteneinnahmen angewiesen sind.
Obwohl aktuell bereits etwa 20% der biomedizinischen Fachliteratur frei zugänglich sind, vollzieht sich der Kurswechsel hin zu offenen Modellen zu langsam – und stößt an Grenzen.  Ein Artikel in einem „Luxusmagazin“ wird in den Köpfen der Wissenschaftler immer noch mit hoher Qualität gleichgesetzt. Einer aktuellen Umfrage der Nature Publishing Group zur Folge, sind es demnach  immer noch das Prestige des Magazins, sowie der Impactfaktor, die neben der fachlichen Relevanz entscheiden, an welches Magazin das eigene Manuskript geschickt wird.
Weiter werden in den Auswahlkriterien der Forschungfinanzierer und der Berufungskommissionen viel Wert auf Publikationen in Luxusmagazinen gelegt. Ein Erstautorenpaper in Cell, Nature oder Science ist in meiner Erfahrung immer noch fast so etwas wie eine Garantie für das berufliche Weiterkommen auf der akademischen Karriereleiter. Es zählt der Name mehr als die Inhalte.
Es ist daher leider immer noch eine Luxusposition, die der Nobelpreisträger Schekman einnimmt, wenn er sagt, dass sein Labor die Luxusmagazine boykottiere und seine Mitarbeiter ihre Manuskripte woanders einreichen würden. Es ist eine Luxusposition, die ihm nach 46 eigenen Artikeln in Cell, Nature und Science nichts mehr anhaben wird, die einigen Postdocs in seinem Labor aber die Karriere kosten kann.

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10 Kommentare

  1. Mit der Publikationsliste eines Randy Schekman, und einem Nobelpreis in der Tasche, kann man natürlich leicht einen Boykott ausrufen – der gute Mann hat ja sowieso schon alles erreicht, was man in der Wissenschaft erreichen kann.
    In der Sache hat er allerdings recht, impact factors werden deutlich überbewertet, und Publikationen in Science/Nature/Cell werden sogar grotesk überbewertet. Ich verstehe allerdings nicht, wie open access journals hier Abhilfe schaffen sollen – auch diese Journals haben impact factors und ein Interesse daran, diese so hoch wie möglich zu halten. Alles andere ist Augenwischerei.

  2. @Tantal
    Richtig – Open Access bedeutet eben nur „freier Zugang“ (auch zu Nature, Cell und…). Nichts spricht gegen ein Open Access Journal mit einem Impact Factor von 52
    Und ein Ranking ist doch nicht grundsätzlich schlecht? Schlecht oder nicht hinreichend ist die Art der Bewertung bzw. die Wahl der Parameter die berücksichtigt werden.
    Ich z.B. finde es sollte die durchschnittliche „Publikationshöhe“ in diesem Forschungsbereich berücksichtigt werden.
    Ein Nature-Paper in der HIV-, Krebs- oder Stammzell-Forschung ist sicher „leichter“ zu erreichen wie mit der Forschung an Pantoffeltierchen oder der polynesischen Wildschnatterganz. Das wissenschaftliche Werken & Können hingegen ist häufig vergleichbar.
    Gruß
    Aveneer

  3. „Und ein Ranking ist doch nicht grundsätzlich schlecht?“
    Impact factors sind ein schlechter Indikator für gute Forschung, weil sie eben nur erfassen, wie oft Paper einer bestimmten Zeitschrift zitiert wurden. Das sagt aber praktisch nichts aus über den Wert einer individuellen Publikation in dieser Zeitschrift – mal ganz abgesehen von der Möglichkeit zur Manipulation, die bei impact factors möglich ist.
    Ein faires Ranking anhang von bibliometrischen Daten kann es kaum geben; impact factors, h-Index und Ähnliches können nur Anhaltspunkte liefern, wie gut ein Forscher ist, aber letzten Endes kann nur ein Fachmann mit genügend Zeit und Sorgfalt ein abschliessendes Urteil fällen.

  4. Die Karriere kosten? Ich glaube nicht dass ein postdoc aus dem Labor eines Nobelpreisträgers sich da Sorgen machen müsste, auch ohne paper in einem der drei Hochglanzmagazine.

  5. Die impact factors (oder ähnliche Konstrukte) werden sicherlich so lange erhalten bleiben, wie der aktuelle Umfang von Evaluationen und anderen Begutachtungen existiert. Es ist doch viel einfacher, irgendwo pro Kandidat eine Zahl abzugreifen und den zu nehmen, der die höchste hat, als Artikel (pro Kandidat mindestens einen) auch zu lesen. Statt über „Luxuszeitschriften“ zu schimpfen, sollte man sich doch eher mal ansehen, wie Geld und Stellen vergeben werden. Das führt dann zu seltsamen Blüten – ich hatte einmal einen Artikel zur Begutachtung bekommen, von dem etwa 90% des Inhalts bereits in einer Zeitschrift „niedrigen Ranges“ veröffentlicht waren. Die Autoren hatten ein wenig herausgenommen, ein wenig neu geschrieben und die Autorenreihenfolge geändert. Als ich den Artikel mit dieser Begründung abgelehnt habe, wurde der Herausgeber mit Protesten überflutet und die Autoren bestanden auf einem anderen Gutachter – der den Klon dann akzeptierte.

  6. Und Wissenschaftsjournalisten stehen auch nicht außerhalb dieser Debatte. Müssen wir denn jedes halbwegs interessant klingende Thema aus Nature & Co wiederkäuen und verbreiten? Damit fördern auch wir zum Teil die immense Impact-Quote dieser Journale. Wichtiger ist es, tiefer in die anderen Journals zu tauchen und aus diesem schier unendlichen Fundus die Perlen zu fischen….zumindest sollten es echte Wissenschaftsjournalisten versuchen. Und da packe ich mir auch an die eigene Nase.

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