Marcus Pössel erzählt in seinem Blog „relativ einfach“ eine offenbar reale Geschichte vom Diebstahl einer Idee aus einer Bewerbung für eine Postdocstelle in der Astronomie. Einer der Professoren, an den das Bewerbungsschreiben ging, versuchte laut des Artikels das geplante Projekt selbst durchzuführen, ohne den Urheber zu informieren oder ihn etwa an den Messungen und Analysen zu beteiligen. Durch Zufälle erfährt der Bewerber für die Postdocstelle von dem Ideenklau und glücklicherweise ist der Bewerber letztendlich dennoch der erste, der die zugehörigen Daten publizieren kann.
Der dort beschriebene Fall stellt eine Ausnahme dar, weil der Urheber durch die schriftliche Dokumentation der Idee identifizierbar war, und weil der Dieb der Idee ebenfalls relativ eindeutig identifiziert werden konnte, da offenbar ein im Wortlaut sehr ähnlicher Antrag bei einer astronomischen Beobachtungsstation von ihm eingereicht wurde.
Ideenklau in der Wissenschaft kommt in meiner Erfahrung relativ häufig vor, selten sind jedoch die Urheber der Ideen so einfach zu identifizieren wie im oben beschriebenen Fall, denn häufig werden gute Ideen in gutem Glauben formlos und mündlich kommuniziert. Auf Konferenzen, nach Vorträgen, in Meetings und in Gesprächen beim Mittagessen. Die meisten Ideendiebstähle passieren dadurch in einer Grauzone, in der Ideenklau relativ einfach dadurch gerechtfertigt wird, dass man sich eben durch Dritte habe inspirieren lassen.
Ich glaube auch, dass sich vielfach diejenigen, die Ideen klauen, gar keiner Schuld bewusst sind. Denn wer noch nie eine eigene Idee hatte, und wem folglich auch noch nie eine geklaut wurde, kann gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, geistiges Eigentum gestohlen zu bekommen. Derjenige versteht auch nicht den Wunsch, dieses zu schützen – vor eben jenen Parasiten der Wissenschaft die Ihre „Inspiration“ für Projekte einfach direkt von Kollegen übernehmen.
Es ist allerdings auch klar, dass die Wissenschaft von Ideen alleine nicht lebt. Es kommt auf deren Umsetzung an. Dabei den Beitrag des Urhebers der Idee bewusst oder unbewusst zu ignorieren und zu verschleiern demotiviert die Ideengeber und ist klar wissenschaftliches Fehlverhalten. Es sollte dementsprechend behandelt und geahndet werden.

Bild oben von user dumbonyc auf flickr (CC BY-SA 2.0)

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30 Kommentare

  1. „Parasiten“ als Bezeichnung für die Ideendiebe finde ich aber in jedem Fall einen Griff in den Klo.

  2. Sehr wichtiger Beitrag. Meine Gedanken hierzu:
    1.) wird die Forderung nach Sanktion wohl im deutschen System wieder ins Leere laufen (das zeigt die Konsequenzen aus den vielen Plagiatsaffären -> systemrelevante jedenfalls kann man kaum erkennen).
    2.) ist der Ausdruck „Parasit“ in der Tat unschön – aber deswegen nicht minder treffend. Das Hauen & Stechen in vielen Laboren ist nicht zu unterschätzen und leider durch das hierarische System befeuert (nicht nur in der Astronomie). Umso schlimmer, wenn Professorens – wie hier geschildert – selber noch Öl ins Feuer gießen, obwohl sie eigentlich (sofern tenured) aus dem Spiel um Stellen draussen sind (obwohl natürlich nicht aus dem Spiel um Gelder).

  3. Ideenklau bedeutet, es liegt ein Diebstal vor. In diesem Fall Diebstal geistigen Eigentums. Gegen Copyrightverletzungen wird verschärft vorgegangen, aber der Diebstahl von Ideen wird forciert.
    Aus http://de.wikipedia.org/wiki/PRISM_(%C3%9Cberwachungsprogramm):
    „Laut einer vom britischen Guardian veröffentlichten Karte der NSA, die den Umfang der Erhebung, Ausspähung und Auswertung der mit PRISM gewonnen Daten visualisieren soll, gehört Deutschland zu den Ländern der Welt, aus denen am meisten Daten gesammelt würden.[10] So wurde die Bundesrepublik im März 2013 mit Hilfe von PRISM ähnlich stark überwacht wie beispielsweise Saudi-Arabien, der Irak oder China.[90] Bundeskanzlerin Angela Merkel teilte daraufhin mit, sie werde das Thema beim Mitte Juni stattfindenden Deutschlandbesuch des US-Präsidenten Barack Obama ansprechen.[90]
    Laut Dr. Ralf Rieken, ehem. CEO von Fujitsu Siemens Computers USA (heute: Geschäftsführer der Uniscon GmbH, einer Firma die Datensicherheit durch nationale Cloud-Lösungen anbieten) könnten sich deutsche Unternehmen durch PRISM einer verstärkten Gefahr durch Industriespionage ausgesetzt sehen.[91]“
    Und aus: http://www.tagesschau.de/ausland/snowden-nsa-peking100.html
    „Mit den Angriffen auf die renommierte Tsinghua-Universität in Peking zielte der Abhördienst NSA auf eines der sechs großen Netzwerke des Landes, das Bildungs- und Forschungsnetzwerk CERNET, das dort angesiedelt ist. Es war einst das erste Internet-Netzwerk in China und hat sich zum größten Forschungsnetz entwickelt.
    Bei dem jüngsten Angriff im Januar seien allein an einem Tag mindestens 63 Computer und Server der Pekinger Universität gehackt worden, berichtete Snowden. Zuvor hatte er schon enthüllt, dass auch die chinesische Universität in Hongkong angegriffen worden sei.“
    Ziele von PRISM und TEMPORA sind auch im großen Umfang Deutschland, China und deren Industrien und Forschungseinrichtungen. Der Einsatz gegen den Terror ist nur ein Vorwand bei massenhafter Spionage in z.B. Deutschland und China.
    Aber zurück zum Ideenklau im kleinen Stil. Warum sollte man diese Diebe nicht Parasiten nennen dürfen?

  4. Tobias Maier schrieb (Juni 24, 2013):

    […] dass sich vielfach diejenigen, die Ideen klauen, gar keiner Schuld bewusst sind. Denn wer noch nie eine eigene Idee hatte, und wem folglich auch noch nie eine geklaut wurde, kann gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, geistiges Eigentum gestohlen zu bekommen.
    Zu bedenken ist auch, dass viele derjenigen, die von „geistigem Eigentum“ sprechen, das folglich evtl. von Diebstahl betroffen sein könnte, sich ihrer Absurdität gar nicht bewusst sind. Denn wer noch nie anderen etwas beigebracht hat, kann kaum wissen, wie sich anfühlt, etwas Nachvollziehbares weiterzugen oder sogar selbst hervorzubringen.
    Es ist allerdings auch klar, dass die Wissenschaft von Ideen alleine nicht lebt. Es kommt auf deren Umsetzung an.
    Sicherlich bedarf Wissenschaft, also die Nachvollziehbarkeit von Ideen, und die daraus folgende Kommensurabilität von Resultaten, einer gewissen materiellen (und sogar ökonomischen) Grundlage. Trotzdem ist und bleibt das Eine vom Anderen unterscheidbar.

  5. Frank Wappler schrieb (#5, 24. Juni 2013):

    […] etwas Nachvollziehbares weiterzugen oder sogar selbst hervorzubringen.
    Sollte stattdessen sein:
    „… etwas Nachvollziehbares weiterzugeben oder sogar selbst hervorzubringen.“
    (Da hat die ScienceLogs-Kommentarvorschau mal wieder sehr beachtlich zugeschlagen … &)

  6. Ich habe mich auf Twitter gerade schon mit Tobias darüber auseinandergesetzt. Nochmal hier meine vier Cent in etwas ausführlicherer Form:
    1. Viele Ideen in der Wissenschaft entstehen durch Kommunikation, und eben nicht in der einsamen Kammer im Elfenbeinturm. Fachübergreifend. Insofern lebt Wissenschaft meiner Meinung nach davon, dass es ein Klima gibt, in dem (auch unfertige) Ideen geäußert und diskutiert werden können. Ich glaube nicht, dass Sanktionen (oder Begriffe wie „Parasiten“, und seien sie aus ökosystemarer Sicht noch so zutreffend) dazu beitragen, ein solches ideales Klima zu erhalten.
    2. Der hier beschriebene Fall ist unschön, aber nicht zu ahnden. Copyright bezieht sich nicht auf Ideen, sondern auf Veröffentlichungen. Manche Ideen „liegen in der Luft“, und es kommen viele Menschen auf einmal auf ähnliche Ideen. Weil sie der logische Schluss eines Diskussionsprozesses sind, auf den verschiedene Menschen unabhängig voneinander kommen. Weil unabhängig voneinander ähnliche Probleme gelöst werden. Etc. (Und Newtons Schultern kommen noch dazu …)
    Insofern finde ich die eineindeutige Autorenschaft an einer Idee eine häufig fragwürdige Idee.
    3. Aus meiner eigenen Erfahrung kenne ich eher „Ideenklauparanoia“: ein Kollege oder eine Kollegin hat eher keine eigenen Ideen, kommt dann mit großen Mühen auf eine, die vielleicht so einviertelgut und einviertelneu ist, und verteidigt sich dann mit Zähnen und Klauen gegenüber vermuteten Ideendiebe, will – im Kolloquium – lieber nichts über diese Viertelsidee sagen, weil sie ja jemand entwenden könnte. Ist möglicherweise aus jeweils individueller Sicht nachvollziehbar, aber macht die Debatte trotzdem schwierig. (Damit will ich Tobias‘ Beispiel nicht kleinreden, sondern nur darauf hinweisen, dass zu x Fällen von echtem Ideenklau y Fälle der Paranoia treten. Beides erschüttert das kommunikative Vertrauen und ist daher schlecht.)
    4. Literatur, und nicht Wissenschaft, und ich erinnere mich jetzt nicht mehr an den Autor des Zitats, aber durchaus treffend, sinngemäß: „Ideen zu haben ist keine Kunst. Ideen gibt es wie Sand am Meer. Wichtig ist es, aus einer Idee etwas zu machen. Und das ist mühsame Arbeit.“

  7. Ich verstehe Anhaeusers Einwand nicht. Da ich anscheinend nicht der einzige mit dem Problem bin, bitte ich um weitere Erklaerung.

  8. Ideenklau ist in der Wissenschaft alltäglich. Jeder Wissenschaftler kennt genug Fälle in denen z.B. Publikationen beim Peer-Review länger als nötig zurückgehalten wurden, damit die konkurrierende Gruppe (der der Reviewer normalerweise angehört) schnell eine ähnliche Publikation auf den Weg bringt. Bei aufwendigen Experimenten/Auswertungen/Rechnungen geht das natürlich nicht – es gibt aber immer noch genug Paper die einfach nur aus dem Publizieren einer Idee, eines einfachen Experiments oder einer einfachen Datenauswertung bestehen. (Das derzeitige System bevorzugt ja sowieso solche eher „substanzlosen“ Publikation.)
    Ich hatte bisher noch keinen Betreuer/Chef, der mir noch keine „vertraulichen“ Manuskripte weitergereicht hat – selbstverständlich mit dem Hintergedanken, die entsprechende Idee/Methodik/etc. zu kopieren.
    Mir kommt deshalb diese Diskussion um „Ideenklau“ sehr naiv/weltfremd – wenn nicht sogar geheuchelt – vor.

  9. Anonym,
    du sprichst ein anderes Problem an als das, welches ich in meinem Artikel schildere. Ich kann bestätigen, dass die von dir beschriebene Praxis weit verbreitet ist. Häufig wird das verwenden von Ideen aus noch unpublizierten Manuskripten sozusagen als Gegenleistung für den (kostenlosen) Dienst als Reviewer gerechtfertigt.
    Mir geht es um die Vorstufen, in denen Ideenklau Ausdruck einer kaputten Wissenschaftskultur ist. Beispielsweise, wenn ein Postdoc einem anderen von einer Idee erzählt und jener damit zum Chef rennt um die Idee als seine eigene auszugeben um damit zu punkten. Oder wenn der Chef von einer Tagung zurück kommt und stolz lauter „eigene“ neue Ideen präsentiert, die aber allesamt direkt aus Vorträgen und Diskussionen mit Kollegen stammen (mit der Konsequenz, dass ein gesamtes Labor immer anderen hinterher rennt). Oder wenn der Ideengeber eines langfristigen Projekts dann Jahre später, wenn publiziert wird, einfach nicht mehr auf dem Paper steht (ist ja schon so lange her).

  10. @Tobias Maier:

    Beispielsweise, wenn ein Postdoc einem anderen von einer Idee erzählt und jener damit zum Chef rennt um die Idee als seine eigene auszugeben um damit zu punkten. Oder wenn der Chef von einer Tagung zurück kommt und stolz lauter “eigene” neue Ideen präsentiert, die aber allesamt direkt aus Vorträgen und Diskussionen mit Kollegen stammen (mit der Konsequenz, dass ein gesamtes Labor immer anderen hinterher rennt). Oder wenn der Ideengeber eines langfristigen Projekts dann Jahre später, wenn publiziert wird, einfach nicht mehr auf dem Paper steht (ist ja schon so lange her).

    Das ist auch alltäglich.

  11. @Till
    Zu 1.: Ideen entstehen durch Kommunikation. Richtig. In dem oben beschriebenen Fall ging es allerdings um darum, dass eine Forschungsgruppe grössere Teile eines Forschungsplans einfach abschrieb („nicht nur seien sich die Anträge in der Tat sehr ähnlich, sondern eine Reihe von Sätze des konkurrierenden Antrags seien mit Johns Text identisch.“).
    Zu 2.:Dass Automobilhersteller A und B aufgrund von Diskussionen in den Medien unabhängig auf die Idee kommen könnten, dass man Sprit sparen sollte, halte ich für nachvollziehbar. Wenn allerdings Reifenhersteller C und D „unabhängig“ voneinander auf die Idee kämen, dass eine bestimmte Gummimischung in Kombination mit einer bestimmten Profilform 2% mehr Sprit spart, das ganze dann auch noch 5% weniger Verschleiß hat und Teile der Forschungsplaene wörtlich übereinstimmen, dann ist das doch schon etwas anderes.
    Zu 4.: Wo beginnt die „Idee“, wo das „daraus gemachte“? Viel von dem Zeug aus der theoretischen Mathematik hat anfangs oftmals keinen direkten Bezug zu einem konkreten praktischen Problem. Ist theoretische Arbeit weniger wert als die praktische?

  12. @Till Aus dem Beitrag auf scilogs: „Der ESO-Kollege prüfte, war zutiefst schockiert, und teilte Johns Doktorvater mit: Nicht nur seien sich die Anträge in der Tat sehr ähnlich, sondern eine Reihe von Sätze des konkurrierenden Antrags seien mit Johns Text identisch. Akuter Verdacht auf Ideenklau.“
    Daher trifft dein 2. „2. Der hier beschriebene Fall ist unschön, aber nicht zu ahnden. Copyright bezieht sich nicht auf Ideen, sondern auf Veröffentlichungen. Manche Ideen “liegen in der Luft”, und es kommen viele Menschen auf einmal auf ähnliche Ideen. Weil sie der logische Schluss eines Diskussionsprozesses sind, auf den verschiedene Menschen unabhängig voneinander kommen. Weil unabhängig voneinander ähnliche Probleme gelöst werden. Etc. (Und Newtons Schultern kommen noch dazu …)“ nicht zu.
    Es ist klar, dass viele Ideen in allen Bereichen auf einer intensiven Diskussion beruhen. Trotzdem das reine Kopieren einer Idee, die von jemanden anderen in der Diskussion geäußert wurde bezeichne ich auch als parasitär.
    @Tobias Maier „Mir geht es um die Vorstufen, in denen Ideenklau Ausdruck einer kaputten Wissenschaftskultur ist.“
    Ich denke das beschränkt sich nicht auf Wissenschaft. Trotzdem ein schöner und ergänzender Beitrag zu diesem: http://scienceblogs.de/weitergen/2012/10/warum-ian-wilmut-fur-das-klonschaf-dolly-keinen-nobelpreis-bekommt/

  13. @Till
    Und noch einmal zu 1.: “ Ich glaube nicht, dass Sanktionen (oder Begriffe wie “Parasiten”, und seien sie aus ökosystemarer Sicht noch so zutreffend) dazu beitragen, ein solches ideales Klima zu erhalten.“
    Interessant an dem oberen Fall des Postdocs und der Diskussion hier ist, dass nicht nur Sanktionen oder die Wortwahl „Parasit“ einigen Leuten nicht richtig erscheinen, es scheint einigen Leuten auch an sich falsch zu sein den Vorfall mit Nennungen von Namen und Universitäten auszudiskutieren.

  14. @Till: Ich glaube nicht, dass Sanktionen (oder Begriffe wie “Parasiten”, und seien sie aus ökosystemarer Sicht noch so zutreffend) dazu beitragen, ein solches ideales Klima zu erhalten.
    Wie gesagt, finde ich es begrifflich nicht „schön“, aber wieso sollte man Ross & Reiter nicht nennen dürfen? Für mich sind solche Erfahrungen extrem frustrierend. Die Angst geäußerte Ideen von Leuten mit mehr Resourcen umgesetzt zu sehen trägt kaum dazu bei den wissenschaftlichen Austausch zu fördern.
    Wohlgemerkt: Es geht hier eben nicht um Austausch auf einer Plattform, wo nachher allen Beteiligten klar ist wer was gesagt / publiziert hat und mit dem Ziel des Austausches, sondern darum, dass Jungwissenschaftler im besten Glauben Ideen beschreiben, die dann von mächtigeren Seniorwissenschaftlern abgegriffen werden.
    Ahndung ist ein schöner Traum – da es ausgleichende Verfahren nicht gibt, hilft u. U. – drastischer – publizistischer Gegendruck – gerne auch mit besseren Begriffen, falls jemandem welche einfallen.

  15. Ideenklau […] Beispielsweise, wenn ein Postdoc einem anderen von einer Idee erzählt und jener damit zum Chef rennt um die Idee als seine eigene auszugeben um damit zu punkten.
    Wieso „Klau„??
    Der Geber/Urheber der fraglichen Idee behält sie doch selbst auch; und hat nun sogar nachgewiesen, dass die Idee sogar durch andere übertragbar und punktebringend ist.
    Um so überzeugender kann er ja selbst damit „zum Chef rennen […] um damit zu punkten„; falls er das für sinnvoll/nötig hält.
    Oder wenn der Chef von einer Tagung zurück kommt und stolz lauter “eigene” neue Ideen präsentiert, die aber allesamt direkt aus Vorträgen und Diskussionen mit Kollegen stammen (mit der Konsequenz, dass ein gesamtes Labor immer anderen hinterher rennt).
    Das unterstellt offenbar, dass die entsprechenden Ressourcen wie „Vorträge„, „Diskussionen“ bzw. (vgl. oben) „Erzählungen“ nicht öffentlich und archiviert und allen „Laboranten“ bzw. „Postdocs„, „Chefs“ usw. nicht gleichermaßen zugänglich wären.
    Sowas gibt’s wohl auch … heißt aber nicht „Wissenschaft„, sondern „Wirtschaft“.
    Oder wenn der Ideengeber eines langfristigen Projekts dann Jahre später, wenn publiziert wird, einfach nicht mehr auf dem Paper steht (ist ja schon so lange her).
    Das unterstellt offenbar, dass der entsprechende Ideengeber nicht über einen ScienceBlog verfügte (oder zumindest die Möglichkeit, dort Kommentare einzureichen), in dem die Idee schon längst publiziert gewesen wäre. Tja — gibt’s denn sowas noch ?!? …

  16. @Frank Wappler:
    Das unterstellt offenbar, dass die entsprechenden Ressourcen wie “Vorträge“, “Diskussionen” bzw. (vgl. oben) “Erzählungen” nicht öffentlich und archiviert und allen “Laboranten” bzw. “Postdocs“, “Chefs” usw. nicht gleichermaßen zugänglich wären.
    Nein, das beschreibt den leider nicht seltenen Fall mittelmäßiger ideenloser Chefs, die diese Eigenschaft aber nie zugeben würden und auch nicht akzeptieren, wenn ihre Leute eigene Ideen verfolgen. (Na gut, wie häufig das vorkommt, weiß ich nicht, aber meine Schätzung läuft auf einige Prozent der Laboratorien in den Lebenswissenschaften hinaus.)
    Das unterstellt offenbar, dass der entsprechende Ideengeber nicht über einen ScienceBlog verfügte …
    Wieso das denn? Es ist doch (leider) normal, das Doktoranden und PostDocs Projekte beackern, die erst bei folgenden Doktoranden und PostDocs Früchte tragen. Ob man dann über die Publikationsabsicht informiert wird, hängt von der Anständigkeit der Koordinatoren ab. Ist die Publikation erst erfolgt, kann man schlecht den eigenen Namen auf dem Paper einfordern.
    Und der erste Absatz in Kommentar #19 läßt mich offengestanden denken, daß Sie nie in einem Laborbetrieb gearbeitet haben. Ich kann mich aber auch irren. Aber überlegen Sie selbst: Wie plausibel ist das Argument wirklich?

  17. @Frank Wappler „Wieso “Klau“??
    „Der Geber/Urheber der fraglichen Idee behält sie doch selbst auch; und hat nun sogar nachgewiesen, dass die Idee sogar durch andere übertragbar und punktebringend ist.
    Um so überzeugender kann er ja selbst damit “zum Chef rennen […] um damit zu punkten“; falls er das für sinnvoll/nötig hält.“
    Verstehe ich nicht. Person A hat eine Idee und teilt sie auf irgend eine Art und Weise Person B mit. Person A plant die finaler Weitergabe an vorgesetze Person (Person V) oder die Veröffentlichung (V). Person B kommt Person A aber zuvor und reicht die Idee als eigene Idee bei Person V ein oder veröffentlicht unter eigenem Namen. Wie soll jetzt Person A noch damit Punkten? Aber, wenn ich deinen Kommentar richtig verstehe hat er jetzt den Nachweis, dass seine Idee punktebringend ist. Ist ja egal ob für sich selber oder für den Ideendieb.

  18. CM schrieb (#20, 24. Juni 2013):

    […] Projekte beackern, die erst bei folgenden Doktoranden und PostDocs Früchte tragen.
    Kommt ganz auf den Appetit an. (Soll heißen, was man jeweils als „Früchte“ erkennt.)
    Falls man ein „Projekt beackert“ hat, in der Erwartung, dass es davon (für Andere, Nachfolgende) sogar noch mehr zu Ernten gäbe, dann darf und sollte man das doch jedenfalls mitteilen bzw. öffentlich archivieren, oder?
    Ist die Publikation erst erfolgt, müsste man schon das entsprechende „Projekt“ umbenennen/aufgeben, falls man die vorausgegangene Ackerei verleugnen wollte.
    der erste Absatz in Kommentar #19 […] Wie plausibel ist das Argument wirklich?
    Bevor es an die Einschätzung von eventueller Plausibilität ginge — ist es denn überhaupt nachvollziehbar?

  19. roel schrieb (#21, 24. Juni 2013):

    Person A hat eine Idee und teilt sie auf irgend eine Art und Weise Person B mit.
    Na, nicht unbedingt „auf irgend eine Art und Weise„, sondern natürlich vorzugsweise öffentlich !
    Wie soll jetzt Person A noch damit Punkten? Aber, wenn ich deinen Kommentar richtig verstehe hat er jetzt den Nachweis, dass seine Idee punktebringend ist.
    Ganz richtig. Und falls (wie nachgewiesen) punktebringend hinsichtlich der offenbar recht enthusiastischen und ehrgeizigen „Person B„, dann vielleicht sogar auch hinsichtlich aller möglicher mittelmäßiger, dime-a-dozen Chefs.

  20. @Frank Wappler, #22:
    mir scheint, hier treffen zwei Ansichten aufeinander, geprägt von pers. Erfahrungen. Da Tobias Maier schreibt, was er schreibt, gehe ich davon aus, dass er wie ich diese Szenarien für denkbar hält – möglicherweise hat er sie erlebt oder kennt Leute, die sie erlebt haben. Ich weiß es nicht, aber wenn, wären wir schon 2.
    Fakt ist: PostDoc-Verträge und Doktorandenverträge laufen nicht selten über 2+x Jahre. Projekte nicht selten länger. Allen Beteiligten ist dann klar, wer welche Leistung hat. Und dennoch müssen die Ehemaligen einer Arbeitsgruppe nicht mehr bei Laune gehalten werden. Konsequenz ist nicht selten, dass sie schlechtere Positionen auf Papern haben oder erst gar nicht genannt werden. Beispiele für dieses Szenario habe ich insg. 4 aus inzwischen 13 Jahren im Labor (davon ich aber 3 Jahre aus dem akadem. Betrieb heraus). 1 x traf es mich. Im Übrigen ist das ein Szenario, dass auch Eingang in das schöne Büchlein „Forschen auf Deutsch“ fand – weshalb ich davon ausgehe, dass es auch anderen nicht absurd vorkommt (um mal bewußt zu untertreiben).
    Dann gibt es noch die Fälle, wo eine Nennung als Co-Author nicht erfolgt, obwohl man am Projekt mitgearbeitet hat (was meist irgendwelche politischen oder hierarischen Hintergründe hat – während meiner Dissertation durfte ich 2 Mal nicht mit auf Paper, insgesamt habe ich 5 x Autorschaften auf diese Weise verloren. Ich darf sagen, es ist mit ein Grund dafür, dass ich den akadem. Betrieb verlassen habe – eine objektive Betrachtung ist daher für mich nicht zu erwarten.
    Bevor es an die Einschätzung von eventueller Plausibilität ginge — ist es denn überhaupt nachvollziehbar?
    Jein, wenn ich es für unplausibel halte, glaube ich schließlich es nachvollzogen zu haben – aber offengestanden, hätte ich argumentieren sollen. Also:
    1. Wer „klaut am ehesten“ eine Idee und gibt sie als seine aus? Die Person mit der schwächsten Stellung? Wohl kaum, denn diese kann in der Tat damit rechnen, dass sie sofort angeprangert wird.
    2. Wie sieht es aus, wenn man ruft „meine Idee“, nachdem sich wer anders im Lichte dieser Idee bereits sonnte? Was ist also der Preis auf sein Recht zu pochen? Diejenigen, die ich kenne (nur zwei, immer aus anderen Arbeitsgruppen, aber um so etwas jemandem zu offenbaren muß man schon vertrauen) gingen jedenfalls nicht zu ihrem PI, denn sie hatten Angst ihre ohnehin schon schlechte Stellung noch zu verschlechtern. In meinen Augen sehr viel nachvollziebarer als Ihre Position. (Ich kenne nur wenige PIs, deren moralische Ansprüche solch ein Klima von vorneherein nicht begünstigen.) Wesentlich ist: Hier ist das Gefühl der schwächsten Glieder einer AG (denn nur diese werden derart beklaut) der ausschlaggebende Faktor für ihr Handeln. Und eben weil Ihr idealer Ausgang dieses Szenarios so total meinen Erfahrungen widerspricht, halte ich es für nicht plausibel. Das schließt einen „guten“ Ausgang nicht aus.
    PS Interessante URLs 😉
    Was das für den wissenschaftlichen Nachwuchs und dessen Weltsicht bedeutet, will ich an der Stelle lieber nicht fragen …

  21. Ich geb‘ auch mal meinen Senf dazu. Eine geradezu klassische Übung in Kommunikation, die ich mit meinen StudentInnen in verschiedenen Formen durchexerziere, besteht darin, dass sie ihre Arbeit einem Komilitonen/einer Komilitonin zur „peer review“ übergeben – und zwar gegenseitig. Und am Ende der Übung sage ich ihnen immer: „Und jetzt notiert Euch den Namen eures Partners oder Eurer Partnerin – damit ihr sie, falls Ihr daraus neue Einsichten gewonnen habt, in Eurer Arbeit dann entsprechend als Quelle oder in einer Würdigung erwähnen könnt.“ Mit anderen Worten: Es ist okay, sich im Gespräch mit Fachkolleginnen und -Kollegen inspirieren zu lassen. Anders funktioniert Wissenschaft ja gar nicht – der Austausch ist ihr grundlegendster Wesenszug. Aber das heißt nicht, dass man dann nicht auch die Lorbeeren teilen kann, und ich kenne keine Wissenschaftlerin und keinen Wissenschaftler, die Probleme damit hätten, wenn jemand sich auf Quellen oder Inspirationen beruft.
    „Parasiten“ sind übrigens auch ein wichtiger und essentieller Teil jedes Ökosystems; in gewisser Weise wird durch diesen Begriff das Verhalten sogar eher normalisiert und entschärft. Die Art von Ideenklau, die Marcus beschrieben hat, ist nicht mal parasitär, sondern aussschließlich betrügerisch. Und definitv ein Verstoß gegen die akademische Ethik.

  22. @Frank Wappler „sondern natürlich vorzugsweise öffentlich ! “ Der geschilderte Fall war nicht öffentlich. Klar wenn es öffentlich ist, ist die Situation eine andere.

  23. CM schrieb (#24, 24. Juni 2013):

    mir scheint, hier treffen zwei Ansichten aufeinander, geprägt von pers. Erfahrungen.
    Sicherlich. Da Tobias Maier (z.B.) schon schrieb, was er schrieb (und uns in dieser Hinsicht Anlass und Gelegenheit gibt, ebenfalls zu schreiben – vielen Dank!), versuche ich stattdessen zu schreiben, was darauf auftrifft bzw. –prallt.
    […] Positionen auf Papern
    […] Nennung als Co-Author […] auf Paper
    Wenn man statt irgendwelcher Ressourcen-beschränkter “Paper” z.B. Wikipedia-Artikel (zu allen Projekten, Arbeitsgruppen, Beteiligten, Leistungen usw.) betrachtet, so ist deren “Position” untereinander gar keine Wertung, sondern allenfalls “alphabetisch” oder “chronologisch”, oder ganz durch Nutzer-Interesse (z.B. im Aufsuchen von Wiki-Links) definiert.
    (Diese Ansicht kollidiert natürlich auch mit der eventuellen Auffassung, Wikipedia solle ausschließlich und ganz genau wiedergeben, was schon in irgendwelchen “Papern” geschrieben worden wäre.)
    1. Wer “klaut am ehesten” eine Idee und gibt sie als seine aus? Die Person mit der schwächsten Stellung? Wohl kaum, denn diese kann in der Tat damit rechnen, dass sie sofort angeprangert wird.
    2. Wie sieht es aus, wenn man ruft “meine Idee”, nachdem sich wer anders im Lichte dieser Idee bereits sonnte?
    Na gut, beides illustriert wohl, dass “Wissenschaft” nicht nur von “Wirtschaft” zu unterscheiden ist (vgl. #19), sondern auch von “Gesellschaft”.
    Beim ersten (An-)Lesen von Punkt “1.” fühlte ich mich dabei ertappt, dass ich noch gar nicht ausgefüht habe, “wann” (“in welchem Reifezustand”) man denn eine Idee überhaupt veröffentlichen würde, falls man Gelegenheit hätte. Besonders Schwache kämen vielleicht sogar auf die Idee, eine ihrer Ideen einem Stärkeren insgeheim zuzuspielen; nur um der (Realisierung dieser) Idee willen …
    Was ist also der Preis auf sein Recht zu pochen?
    SWIMI: Selbständigkeit.

  24. Bzgl. # 27: Verstehe nicht, was der Wikipedia-Absatz aussagen soll. Es kommt in dieser Diskussion doch nicht auf irgendwelche Paper, sondern ob best. Personen genannt werden oder, wenn ja, wie. Dummerweise fällt mir keine Idee ein, wie man eine Statistik hier sauber machen können, die etwas Empirie in die Sache bringt – für Ideen bin ich offen.
    Wann „veröffentlicht“ man eine Idee? Ja, das ist der springende Punkt:
    a) Ein Paper, das theoretisch ist oder eine Hypothese formuliert steckt klar das Fähnchen in den wissenschaftlichen Claim. Hier sollte(!) klar sein von wem dieser Beitrag kommt und obendrein hat man gleich einen Punkt auf der pers. Publikationsliste (selten, kommt aber vor).
    b) Der ursprünglich geschilderte Fall liegt anders: Hier geht es um eine Idee mit „Antragscharakter“. Diese wird nicht als solche veröffentlicht, sondern in der Hoffnung eingereicht, dass der/die Referees ihre Macht nicht missbrauchen und Verschwiegenheit wahren.
    c) Nicht-ausgereifte Ideen werden am Kaffeetisch (in der Mittagspause, bei der Postersession, etc.) diskutiert. Immer mit dem Risiko, dass Dritte die Idee weiterführen. Hier ist eine oft unkritische Grauzone, mit rel. wenig Missbrauchspotential, das aber dennoch vorhanden ist. Nämlich dann, wenn die Idee ohne Nennung des Urhebers weitergegeben/-entwickelt oder beansprucht wird, im Bewußtsein diesen Akt zu begehen (es geht hier nicht um kleinere, lässliche Begebenheiten, wie Vergesslichkeit beim Gruppenvortrag).
    In jedem Fall: Warum sollte man Kollegen eigene Ideen überlassen ohne an der Realisierung, zumindest unter Nennung des eigenen Namens bei Publikation, beteiligt zu werden? Geschieht das dennoch, dann sicher nicht freiwillig. Altruismus um einer Forschungsidee willen? Soll das ein Scherz sein?
    Was bedeutet „SWIMI“? Soll man Selbstständigkeit gewinnen oder verliert man diese, wenn man den Ideendieb „verpetzt“? Letztlich, zugegeben: Es trägt zur inneren Reife bei abzuwägen, was wichtiger ist: Selbstachtung oder Fortkommen. 😉
    Um auf den Punkt zu kommen: Es geht um die Frage, ob jemand eine Idee „klaut“, wenn er/sie diese ohne Einwilligung des Urhebers als eigene ausgibt. „Klauen“ hier als Platzhalter für den unanständigen Akt – meinetwegen kann da ähnliche Begriffe einsetzten, wenn es denn sein muß. Sie jedenfalls, Herr Wappler, #19, verneinen dies. Meine Punkte b und c erfüllen in meinen Augen diesen Bestand, weil die Täter bewußt handeln. Und obendrauf kommt, dass es schwer ist sich zu wehren und das akademische System keine Sanktion herbeiführt (bzw. dies äußerst selten tut).
    PS Soziologische Abgrenzungen von „Wissenschaft“ in/von der „Gesellschaft“ interessieren mich nicht die Bohne und tun hier nichts zur Sache, oder?

  25. CM schrieb (#28, 25. Juni 2013):

    Es kommt in dieser Diskussion doch [darauf an] ob best. Personen genannt werden oder, wenn ja, wie.
    Das Wikipedia-Prinzip ermöglicht jedenfalls zumindest eine Nennung per “what-links-here”.
    […] Es geht um die Frage, ob jemand eine Idee “klaut”, wenn er/sie diese ohne Einwilligung des Urhebers als eigene ausgibt.
    Das ist zweifellos eine Frage, die man je nach pers. Erfahrungen als besonders relevant ansehen mag. Dem gegenüber zu stellen ist aber (z.B.) die Frage, wie man als Urheber einer Idee diese jemandem verinnerlichen könnte, der sie zunächst “nicht mal geschenkt bekommen“ wollte.

  26. Das Wikipedia-Prinzip ist
    a) ungeeignet ein repräsentative Bild zu geben, schließlich soll ein Lexikon insb. das faktisch darstellen, wo Einigkeit herrscht. Folglich finden nur wenige Publikationen Einzug als Referenz, gemessen an der Gesamtzahl – und das mit deutlich unterschiedlicher Wichtung zwischen versch. Disziplinen und deutlicher Wichtung der Qualität und des allg. Interesses.
    b) fallen gerade so nicht oder wenig genannte Personen unter den Tisch.
    Überhaupt sollte man vor eine umfassenden Analyse mal fragen, was eine post mortem Analyse von Publikationen in diesem Fall aussagen kann und was nicht.
    Bzgl. des „nicht mal geschenkt bekommen“-Szenarios: Können Sie das erklären oder wollen Sie ablenken? Wenn mir jemand nicht zuhören mag, ist der Schaden jedenfalls anderer Natur, als bei dem Thema, um das es im Thread geht.
    stackexchange/-overflow (die Anspielung in der URL von #29) ist toll – aber das hat Nichts mit Ideenklau und Fortkommen in der Wissenschaft zu tun (jedenfalls nicht per se).
    Aber nun ja, wir drehen uns im Kreise. Es ist schön, wenn Ihre Erfahrungen andere sind und der Fatalismus Sie noch nicht berührt hat – möge Ihnen das akademische Hauen und Stechen möglichst lange fremd bleiben.

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