Ob ich etwas zu verbergen habe? Selbstverständlich! Ein Großteil meiner Kommunikation ist privat und geht außer den von mir gewählten Empfängern niemanden etwas an. Ich weiß natürlich, dass ich bei Inanspruchnahme der kostenlosen Dienste von Google und Facebook mit etwas anderem als Geld bezahle, nämlich mit meinen Daten.
Mir war auch klar, dass die Auswertung meiner Emails und Kommentare, meines Adressbuches und meiner Freundesliste, meines Kalenders und generell meiner Nutzeraktivität kaum deutschen Datenschutzstandards folgt. Es sind schließlich US-amerikanische Unternehmen, bei denen ich meine Onlinekonten habe und deren allgemeine Geschäftsbedingungen ich abgenickt habe.
Was ich nicht wusste, war, dass ausländische Nachrichtendienste anscheinend nach Gutdünken und nur scheinkontrolliert ebenfalls Zugriff auf diese Daten haben.
Obwohl ich davon ausgehe, dass weder ich noch irgend einer meiner Freunde und Bekannten direkt überwacht wird, scheinen mir dadurch doch meine Grundrechte angegriffen. Und ich glaube nicht, dass ich mein Recht auf Privatsphäre für einen vermeintlichen Schutz vor Terroristen einfach so opfern möchte.
Generell zeigen die Enthüllungen von Edward Snowden im Guardian, wie schnell Bürgerrechte erodieren können, wenn die technischen Möglichkeiten dazu gegeben sind und keine Kontrollmechanismen existieren  – und wie schnell sich dadurch Rechtsstaaten jenen Ländern anpassen, die für fehlende Menschenrechte kritisiert werden.
Was kann man tun? Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, die Bedeutung und die Tragweite von Prism und Tempora noch gar nicht einschätzen zu können. Ein deutsches Facebook oder Google wie von einigen Politikern gefordert, für die das Internet wirklich Neuland darzustellen scheint, ist sicher nicht die Antwort.
Muss man sich vielleicht einfach mit dieser „Post-Privacy“ Situation anfreunden und ignorieren? Oder in Zukunft private Kommunikation in den Wald verlegen? Hat diese Thematik das Potential die Bundestagswahl entscheidend zu beeinflussen? Und wenn die Situation so nicht hinnehmbar ist, was kann wie und von wem geändert werden?
Vielleicht können wir hier in den Kommentaren Ideen und Gedanken zu den Spähprogrammen sammeln und diskutieren, wie auf die aktuelle Situation am besten reagiert wird.

Bild oben verändert von crystalRyu (CC BY 3.0)

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10 Kommentare

  1. Post-privacy ist sicher der Lebensstil an den wir uns annähern müssen. Damit meine ich aber nicht umfasst, dass die Privatsphäre gänzlich gestorben ist.
    Tools die Privatsphäre erzeugen:
    http://duckduckgo.com statt Google zumindest mal ausprobieren
    http://torproject.org verwenden
    Mails mit PGP verschlüsseln
    das wäre mal ein Anfang, der im Komfort wenig einschränkt & imho wenig Umstellung abverlangt.

  2. Der aktuelle Skandal zeigt vor allem, dass alles was technisch möglich ist (tatsächlich auch manches was ich für nicht möglich gehalten hatte), auch gemacht wird, und es einfach nur naiv war zu denken, dass sich die Geheimdienste die Gelegenheit entgehen lassen, mir relativ einfachen Mitteln die gesamte Kommunikation der Welt zu überwachen.
    Ob man individuell irgendetwas zu verbergen hat spielt keine Rolle. Die Angst davor, dass der ein oder andere z.B. aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen ein Einreiseverbot oder sonstige Nachteile erleidet ist sicher nicht ganz unbegründet, aber das eigentliche Problem sehe ich eher darin, dass die Regierungen durch die Analyse dieser Daten sehr gezielt Propaganda betreiben können, was letztendlich die Demokratie unterhölt. Warum sollte man Meinungen, wie in den weniger demokratischen Ländern, plump zensieren, wenn man sie auch manipulieren kann?
    Abgesehen davon frage ich mich auch, ob es nicht vielleicht auch „Whistleblower“ geben könnte, die weniger Moral als Edward Snowden haben und ihr Wissen gewinnbringender Einsetzen. Eine solche Datensammlung sollte es einfach nirgendwo geben.

  3. fatmike12 hat das schon mal gut getroffen. Dumm nur, daß man sich da selber drum kümmern muss und selbst nach der aktuellen NSA-Geschichte wird es in der Bevölkerung praktisch gar keine Sensibilität für das Thema geben.
    Ich z.B. verwende PGP so oft wie möglich und werde immer nur gefragt, was denn das (bei signierten Mails) „für ein komischer Anhang“ ist. Deshalb hab‘ ich schon mal das hier geschrieben:
    https://www.the-grue.de/mail_und_co/komischer_anhang.html
    Den Link gibt’s im Footer jeder meiner E-Mails.
    Aber obwohl ich in einem durchaus geekigen Umfeld unterwegs bin hat /keiner/ meiner mit-geeks einen eigenen PGP-Schlüssel. Diejenigen denen der Umgang nicht zu umständlich ist kommen doch tatsächlich mit dem naivsten aller Argument: „Ich hab‘ doch nichts zu verbergen“.
    S/MIME wäre eine Alternative, die aber im Zweifelsfall auch was kostet. Und man muß sich – wieder mal – darum kümmern. (Wen’s interessiert: cacert ist da großartig, wie ich finde).
    Irrsinnigerweise werden die meisten vielleicht noch die absolut schwachsinnige DE-Mail verwenden und machen alles nur noch schlimmer.
    Fazit: Wenn man sich für seine Privatsphäre interessiert könnte man schon was tun. Nur interessiert sich halt keiner dafür.

  4. Es ergeben sich aus der Aufdeckung von PRISM und co interessante Gedankengänge:
    Darf man, wenn man die Arbeit von PRISM und co komplett ablehnt, Hinweise auf Anschläge oder sonstige Vergehen annehmen, oder muss man so konsequent sein und diese Hinweise ablehnen? Was waere, wenn eine kriminelle Handlung aufgedeckt wurde, weil man nicht einfach erst bei Verdacht Daten speicherte, sondern weil man erst großartig speicherte und dann auswertete?
    Zum einen wird die Diskussion um Spaehprogramme als Panikmacherei abgetan, zum anderen schien man ja wirklich schon Anschlaege verhindert zu haben. Aehnliche Diskussionen hatte man auch schon bei der Ueberwachung öffentlicher Plätze mit Kameras
    Ueberwachung oeffentlicher Plaetze mit Kameras .
    Was der der eigene Umgang mit der Spionage anderer Nationen, um sich wirtschaftliche, politische oder sonstige Vorteile zu verschaffen. Wenn andere Nationen durch Spionage sich wirtschaftliche Vorteile verschaffen (was man z.B. China unterstellt), was macht man? Nimmt man diese Situation hin, versucht diese in Diskussionen zu loesen („China, USA, GB, hoert doch bitte auf zu spionieren!“), oder spioniert man ebenfalls (womit wir bei der Rennradfahrermentalitaet wären: „Die anderen schummeln doch auch!“)?
    Interessant ist auch, dass man sich ueber die genannten Punkte aufregt, aber kaum Alternativen überdenkt: Ich habe einen Gmail-Account. Warum eigentlich bin ich gerade bei Gmail und nicht bei einem der vielen vielen anderen Email-Anbieter, wo ich doch weiss, dass es da andauernd Diskussionen um Datenschutz gibt, und nicht erst sein Aufdeckung von PRISM und co?
    Eine abschließende Meinung habe auch ich zu diesem Thema nicht.

  5. Auch wenn ich selber recht sauer durch die Prism Sache bin.
    Hier mal ein anderes aktuelles Beispiel über das es sich auch zu diskutieren lohnt:
    „Seit Oktober 2012 leitete das BKA die Ermittlungen. Es entschied sich, den Täter durch eine großangelegte Datenerhebung zu suchen. Die Ermittler installierten an strategischen Stellen verdeckte Kennzeichenlesegeräte auf Autobahnen und sammelten in großem Stil die Daten der vorbeifahrenden Fahrzeuge. Kam es zu einem neuen Fall, wurden diese Daten mit der Fahrtstrecke des betroffenen Lkw abgeglichen. Dabei wurden auch die Daten von nahen Mobilfunkmasten einbezogen. Übrig blieb der Verdächtige.“
    Auszug von der Tagesschau zum so genannten „Autobahn-Schützen“

  6. Ich finde das nicht unbedingt vergleichbar – da ging es um konkrete Taten, die Überwachung wurde danach und zum Zweck der Aufklärung angeordnet, nicht pro forma schon vorher. Es war ein räumlich begrenztes Gebiet und ein zeitlich begrenzter Rahmen. Ebenso waren Auswahl und Menge der Daten genau festgelegt. Und noch bevor die Überwachung überhaupt angedacht wurde, war das Täterprofil auf wenige Möglichkeiten eingegrenzt worden.
    Ich finde, das ist prinzipiell davon verschieden, wenn Sicherheitsbehörden praktisch unkontrolliert diese Dinge abfragen können.

  7. „Muss man sich vielleicht einfach mit dieser “Post-Privacy” Situation anfreunden “
    Das ist wohl eher der Traum derer , die ums Verrecken keine normale Distanz zu ihren Mitmenschen einhalten können und ständig im Leben Anderer herumstalken , ein Phänomen , das leider immer mehr zunimmt.
    Ich denke nicht , daß der Mensch überhaupt leben kann ohne Privatsphäre , die Frage stellt sich eigentlich gar nicht , nur , weil wir sie noch haben , können wir solche absurden Vorstellungen überhaupt diskutieren.
    Außerdem ist die Bedrohung der Privatsphäre menschengemacht , also kann es auch menschengemachte Wege geben , der Bedrohung entgegen zu treten.
    Es gibt technische Fortschritte , die zur Überwachung eingesetzt werden können , also gibt es auch die Chance , technische Möglichkeiten zum Schutz davor zu verwenden oder zu entwickeln , warum sollten die Überwacher technisch besser drauf sein als die Gegner einer solchen , Vorraussetzung ist allerdings der politische Wille zur Regulierung , und die Bereitschaft , dafür auch Geld auszugeben.
    Die Privatsphäre abzuschreiben , weil sie bedroht wird , nach der Logik müssen wir auch den Frieden aufgeben , weil es die Atombombe gibt.

  8. Alle, die jetzt Verschlüsselung als Heilmittel gegen Ausspähen anpreisen, sollten sich darüber im klaren sein, dass das Entschlüsseln von Nachrichten eine Hauptaufgabe der Nachrichtendienste ist. Die Rechenleistung, mit der die NSA u.Ä. wahrscheinlich aufwarten können, dürfte für PGP usw. locker ausreichen.
    Ich bin mir auch nicht so sicher, ob das vor Jahren existierende Exportverbot von bestimmten Schlüsselungstärken durch die USA noch existiert. Damals gab es meines Wissens unterschiedliche Schlüsselstärken beim IE für Amerika und den Rest der Welt. Deswegen durfte man auch nicht so ohne weiteres US-Amerikanische Windowsbetriebssysteme in Deutschland erwerben und installieren. Die Schlüssel für den Rest der Welt waren natürlich die schwächeren.
    Eine verschlüsselte Nachricht ist ausserdem noch viel interessanter als es bei Klartext der Fall ist. Da hat doch sicher jemand was zu verbergen. Also ist das Interesse doch schon geweckt.
    Man sollte sich einfach überlegen, was man über elektronische Medien verbreitet und was besser nicht. Oftmals ist ein persönliches Gespräch ohnehin viel mehr wert, als das elende SMSen und Getwitter. Alles, was auf irgendeinem Rechner landet, kann früher oder später gelesen werden, gleichgültig welche Techniken man einsetzt. Das ist immer nur eine Frage der Rechenleistung.

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