Harald Ebner und die vagabundierenden Genome

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Meine Woche als Blogger auf dem Nobelpreisträgertreffen in Lindau ist zu Ende. Am Freitag ging es per Schiff über den Bodensee auf die Insel Mainau, und nachdem sich das Land Bayern auf der Tagung in Lindau präsentieren durfte, wurde die Überfahrt zur Dauerwerbesendung für Baden-Württemberg. Sogar der neue Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) war mit an Bord. Er betonte die Wichtigkeit des Wissenschaftsstandorts Baden Württemberg, der Bayern selbstverständlich in nichts nachstehe.

Ich stamme selbst aus dem „Ländle“ und konnte die Tagung in Lindau mit einem Besuch bei meinen Eltern verbinden, nachdem ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Mainau über Konstanz, Singen und Stuttgart in den ländlichen Raum nahe Heilbronn durchgeschlagen hatte.
Wissenschaft ist gut, wir streben nach Wahrheit und wollen dank wissenschaftlichem Fortschritt Probleme der Welt lösen; und sowieso ist (laut Harry Kroto) Wissenschaft der schönste Beruf den es gibt. Die Eindrücke aus Lindau waren noch frisch, als ich am nächsten Morgen mit meinen Eltern am Frühstückstisch saß und die journalismuspreisverdächtige Lokalzeitung „Heilbronner Stimme“ aufschlug. Mir fiel ein Interview ins Auge. Es trug den Title: Grüne Gentechnik ist keine Lösung.
„Keine Lösung für was?“ Dachte ich mir und war erleichtert, als ich den Untertitel las: Hohenloher Neu-MdB Harald Ebner über Welternährung, Windkraft und Nahverkehr. Ebner ist Agraringenieur und von den Grünen und ich war mir sicher, dass wir einer Meinung sind, denn Grüne Gentechnik hilft weder bei der Windkraft noch biete sie realistische Lösungen an für Probleme des öffentlichen Nahverkehrs im hohenloher Raum.
Die Frage der Welternährung ist jedoch diskussionswürdig, haben doch einige Nobelpreisträger in Lindau betont, wie wichtig die Grüne Gentechnik für die Zukunft sei (nicht nur für die Welternährung, sondern auch um dürre- überschwemmungs- und salzresistenze Pflanzen zu züchten, sowie zur Eindämmung der Pestizidnutzung, zur Produktion vollwertiger Nahrungsmittel, zur Ertragssteigerung bei gleicher Bodennutzung und zum Schutz vor Fraßfeinden).
Harald Ebner, MdB sieht das anders. Hier Auszüge aus dem Interview:

Frage: Im Hohenlohekreis wird die Grüne Gentechnik längst nicht so verteufelt wir im Schwäbisch Haller Raum.
Ebner: Verteufelt ist der falsche Begriff. Wir haben grundlegende Vorbehalte. Der Mensch unterliegt einer Hybris, wenn er mein, er könne der Schöpfung ins Handwerk pfuschen. Was sie an künstlichen Genomen in die Welt setzen, vagabundiert in den Ökosystemen herum. Das können Sie nicht mehr zurück holen. Außerdem ist Agrogentechnik mit erhöhtem Pestizideinsatz verbunden.
Frage: Genteschnisch manipulierte Pflanzen können aber helfen, Probleme der Welternährung zu lösen
Ebner (Kundige können sich den folgenden Absatz am besten in hohenloher Dialekt vorstellen): Grüne Gentechnik ist keine Lösung für die Welternährungskrise. Dieser Traum, dass man sagt, wir basteln uns eine Pflanze, die alles kann, was wir wollen, die mehr Ertrag hat, resistent ist gegen alle Krankheiten und Herbizide, und mit der wir wunderbar billig viel Nahrungsmittel produzieren können, dieser Traum geht nicht auf.

Harald Ebners Antworten auf die Fragen des Interviewers holen mich auf den Boden der Grünen Politiktatsachen zurück. Es wird vorsätzlich die Unwahrheit gesagt (erhöhter Pestizideinsatz), es wird religiös argumentiert (der Schöpfung ins Handwerk pfuschen), es werden Strohmänner aus feinstem hohenloher Ökoheu aufgebaut und feierlich abgefackelt (Ebners Traum von der einen, allmächtigen Pflanze ist ein reines Produkt seiner Fantasie).
Es gibt keinen Nobelpreis für Politik und wird es nie geben. Die Aussagen einiger Laureaten in Lindau und die Interviewantworten des Grünen Lokalpolitikers stehen sich diametral gegenüber – genauso wie der Stand der Wissenschaft und die Grüne Agrarpolitik.
Auf dem Foto oben links Wolfang Schürer, Vorsitzender der Stiftung Nobelpreisträgertreffen und Vizepräsident der Gremiums der Lindauer Nobelpreistagung. Mitte: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württemberg, zweite von rechts: Gräfing Bettina Bernadotte, Präsidentin des Gremiums der Lindauer Nobelpreistagung. Das Foto entstand auf der Insel Mainau

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Keine Kommentare

  1. Auch die Titelkombination ist herbe: Vagabunden sind nicht gerade positiv konnotiert. Künstliche Genome bei ihrem absichtsvollen Wirken wider die Natur, welch diabolisches Szenario. Aber sich beim ‚verteufeln‘ zieren^^
    Das allein wäre imho für den Sprecher schon abwertend gewesen, zusammen mit dem Rest entsteht ein Bild von Um-sich-schlagen.

  2. Dieser Herr Ebner („Gentechnikfreiheit für 100 % der Landwirtschaft! Eine Koexistenz ist nicht möglich!“, Zitat Homepage Grüne) sitzt nun im Bundestag und mag mit der im Interview gezeigten Inkompetenz sicher zur Erheiterung eines Teils des Parlaments beitragen.
    Da er jedoch als Agraringenieur auftritt, hat er zweifellos Achtungserfolge bei seinen Wählern, denen zu „Gentechnik“ lediglich der sowohl intellektuell als auch rhetorisch unschlagbare Reim „Gendreck weg, hat kein‘ Zweck“ einfällt.
    Der Herr Agraringenieur sollte einmal Diabetiker fragen, ob sie nicht doch besser auf gentechnisch erzeugtes Humaninsulin verzichten wollen. Schließlich pfuschen sie mit jeder Injektion der „Schöpfung ins Handwerk“. Das wird die Patienten freuen, wenn sie künftig aus Gründen der Hybris-Vermeidung ohne „Koexistenz“ leben sollen.

  3. Es wird vorsätzlich die Unwahrheit gesagt (erhöhter Pestizideinsatz), es wird religiös argumentiert (der Schöpfung ins Handwerk pfuschen), es werden Strohmänner aus feinstem hohenloher Ökoheu aufgebaut und feierlich abgefackelt (Ebners Traum von der einen, allmächtigen Pflanze ist ein reines Produkt seiner Fantasie).

    Dr. W, der einige Jahre in BW das Vergnügen hatte, hätte sich den jetzigen politischen GAU, diese politische Kernschmelze bei den Schwaben und den anderen früher nie vorstellen können. – Das schienen vernünftige Leute gewesen zu sein. – Aber OK, lange ist’s her.
    MFG
    Dr. Webbaer

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