Leben, was ist das?

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Sechs helle Köpfe treffen sich an einem Sommertag in einem Garten und unterhalten sich über den Ursprung des Lebens. Was Freeman Dyson, Craig Venter, Seth Lloyd, George Church, Robert Shapiro und Dimitar Sasselov unter der Leitung von EDGE-Herausgeber John Brockman dabei zu Tage fördern ist auf Deutsch im Fischer Verlag erschienen. Hier eine Buchbesprechung.

Treffen sich ein Physiker, ein Biochemiker, ein Quantenforscher, ein Molekulargenetiker, ein Chemiker und ein Astrophysiker…
Was wie ein Intellektuellenwitz auf Pennälerniveau anfängt, war tatsächlich eine Gesprächsrunde über die Frage, was denn eigentlich das Leben sei.
Freeman Dyson, Craig Venter, Seth Lloyd, George Church, Robert Shapiro und Dimitar Sasselov trafen sich im August 2007 im Rahmen des jährlichen Treffens der EDGE-Stiftung in Connecticut unter der Leitung von John Brockman, Herausgeber des Buches und Gründer Stiftung.
Die Idee der EDGE-Stiftung erklärt das Zusammentreffen der Wissenschaftsgrößen: Seek out the most complex and sophisticated minds, put them in a room together and have themselves ask each other the questions they are asking themselves.
Vorneweg: Auch die sechs Naturwissenschaftler können nicht erklären, was Leben ist. Das Buch bietet vielmehr sechs verschieden Blickwinkel auf die Ursprünge des Lebens. Die Diskutanden versuchen ihre Gedankenstränge miteinander zu verbinden und scheitern dennoch an dem Offensichtlichsten und doch Schwersten: Was ist der Ursprung von Leben?
Ein lebendiger Organismus wird ja im Allgemeinen definiert als eine Einheit, die sich selbst vermehren kann. Dazu braucht es drei Dinge: Erstens eine Membran, um die Einheit, also ein Zelle zum Beispiel, abzugrenzen. Zweitens Informationsmaterial, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, also DNA. Und drittens Bestandteile, die das Leben, also den Stoffwechsel, ermöglichen: Proteine.

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Freeman Dyson macht eben diese Kategorisierung und teilt die Komplexität des Lebens in sechs Phasen ein. Zuerst bilden sich Kompartimente, er nennt dies das „Müllbeutelstadium“. Dann taucht RNA auf, die sich selbst replizieren kann. Phase drei ist durch die Erfindung des Ribosoms gekennzeichnet, also der molekularen Maschine, an der aus RNA Proteine synthetisiert werden, welche für den Stoffwechsel zuständig sind. Phase vier ist durch die Artenbildung gekennzeichnet, Phase fünf durch die Erfindung vielzelliger Organismen, die auch sterben können. Phase sechs ist laut Dyson dadurch gekennzeichnet, dass eine kulturelle Evolution die biologische ablöst.
Diese Einteilung kann als Gerüst dienen, um die nachfolgenden Beiträge der Physiker, Biologen und Chemiker einzuordnen. Die Gedankenstränge der diskutierenden Wissenschaftler sind vielfältig, sie werden hier von mir nur skizziert:
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich RNA spontan bildet? Wie wahrscheinlich ist die Bildung von Ribosomen? (Venter). Ist die Entstehung des Lebens tatsächlich ein unglaublich unwahrscheinlicher Zufall, oder schreiben die Gesetze der Physik, Chemie und Quantenmechanik letztendlich vor, dass etwas wie Leben entstehen muss? (Shapiro, Lloyd) Dies hat Konsequenzen für die Wahrscheinlichkeit von extraterrestrischem Leben, unter anderem auf sogenannten Super-Erden (Sasselov).
Am Anfang, während der ersten Phasen, gab es ausschließlich horizontalen Gentransfer, der von der darwinistischen Evolution abgelöst wurde. Geht eine kulturelle Evolution wieder zu Mechanismen des horizontalen Gentransfers über? (Dyson)
Kann ein Lebewesen auf seine Teile und deren Interaktion reduziert werden? Kann Leben im Computer nachgebaut, Biologie digitalisiert werden? (Church, Venter). Kann das Universum als informationsverarbeitendes System betrachtet werden (Lloyd)?
Sind Arten künstliche, vom Menschen erfundene Kategorien, die gar nicht der Realität entsprechen? (Venter) Gibt es chemisch die Möglichkeit für anderes Leben außer auf Kohlenstoffbasis, wie auf der Erde? Gibt es inorganisches Leben? (Church)
Das Diskussionsprotokoll Leben, was ist das, welches auf Deutsch im Fischerverlag erschienen ist, wird als das Gründungsdokument des Biotechnischen Zeitalters beschrieben. Im Buch werden auf 150 Seiten Themen angerissen, die an der Grenze des derzeit Erforschbaren liegen.
Es kommt dennoch ganz ohne philosophische Fremdwortmasturbationen und theologische Kurzschlussrhetorik aus. Alle Spekulationen sind plausibel und fundiert. Das liegt an der hervorragenden Auswahl der Teilnehmer dieser Gesprächsrunde durch Edge-Gründer und Herausgeber John Brockman. Um es mit Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der F.A.Z. zu sagen: Whenever I find an allusion to great writers or thinkers, I find out that they all are at Edge.
Das Buch endet wie die meisten anständigen wissenschaftlichen Diskussionen. Man hat das Gefühl, mehr zu wissen, etwas auf der Spur zu sein, und trotzdem bleiben am Ende mehr Fragen offen als zu Anfang gestellt waren.
Leben, was ist das kann man für 10 Euro bei Amazon bestellen.

Besprechung der Diskussionsrunde in der FAZ und in der Süddeutschen.
Foto von der EDGE Website. Von links nach rechts: Dimitar Sasselov, George Church, Robert Shapiro, John Brockman, J. Craig Venter, Seth Lloyd, Freeman Dyson.
Das Gesprächsprotokoll steht kostenlos auf Englisch zum herunterladen zur Verfügung.


Noch mehr Buchrezensionen auf ScienceBlogs:
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6 Kommentare

  1. Alexander,
    die von dir verlinkten Videos sind im Anschluss an die Gesprächsrunde entstanden. Das englische pdf ist die Vorlage für die deutsche Übersetzung.

  2. Ich glaube, in eine ähnliche Richtung geht das hier: Die Edge Master Class 2009. George Church und Craig Venter „unterrichten“ eine Reihe von „führenden Persönlichkeiten“ zum Thema synthetische Genomik. Egal wer da saß, wir können das Ganze auch anschauen, ungefähr 6 Stunden Unterhaltung (wer hat am Wochenende noch was vor?).
    Bleibt noch eine Frage zum Buch: Ist das eine Übersetzung aus dem Englischen, oder gibt es im Original nur das Gesprächsprotokoll als PDF?

  3. Hab’s endlich geschafft, mir die Zeit zu nehmen und das Buch zu lesen. Obwohl ich zunächst von der „Diskussionform“ nicht begeistert war, stellte sich diese als absolutes Plus heraus. Fazit: Faszinierend, verwirrend, spannend, informativ – ein unglaublich tolles, zum Nachdenken anregendes Buch. Vielen Dank für den Tipp und die gute und treffende Rezension!
    PS: Wissenschaftliche Literatur empfohlen von Wissenschaftlern für Laien finde ich immer wieder gut.

  4. Andrea N.D.,
    danke, das freut mich! So wie das Buch geschrieben ist, wirkt die Diskussionsform jedenfalls, als hätten sich die Herren gegeseitig zugehört.

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